RAW vs JPEG vs Analog (update 2026)
Voraussetzungen
Dieser Artikel setzt ein Grundverständnis dafür voraus, wie eine Kamera überhaupt Bilder aufnimmt. Wenn du noch nicht weißt, was ein Bildsensor ist, wie Licht als Photonen auf den Sensor trifft, oder was ISO bedeutet, lies dir zuerst den Artikel Analog vs Digital durch. Dort wird erklärt, wie sowohl Film als auch digitale Sensoren Licht sammeln und in ein Bild umwandeln. Der Artikel enthält auch die anschauliche Scheune-mit-Eimern-Analogie.
Auch der Artikel Das Belichtungsdreieck hilft dir, die Grundlagen Blende, Belichtungszeit und ISO zu verstehen. Diese Einstellungen beeinflussen direkt, wie viel Licht überhaupt in dein Bild gelangt und damit, wie viel Datenmaterial für RAW oder JPEG zur Verfügung steht.
Wenn du wissen möchtest, was die Zahlen auf deinem Objektiv bedeuten und warum verschiedene Objektive unterschiedliche Eigenschaften haben, schau dir Was macht ein Objektiv an. Das ist relevant, denn die Kamera wendet später automatisch Korrekturen für dein spezifisches Objektiv an. Darauf kommen wir noch zu sprechen.
Einleitung
In dem Artikel Analog vs Digital bin ich bereits kurz auf den wichtigsten Unterschied zwischen Analog und Digital eingegangen:
Bei Analogfilm gibt es theoretisch beliebig viele Zwischenstufen zwischen komplett dunkel und maximaler Belichtung. Stell dir einen Dimmschalter vor, der sich stufenlos von 0 % auf 100 % drehen lässt.
Bei Digitalbildern wird der analoge Wert, also die Anzahl der gefangenen Photonen, in einen digitalen Wert mit einer festen Anzahl von Zwischenschritten umgewandelt. Stell dir stattdessen einen Knopf vor, der nur bestimmte feste Stufen hat. Bei 12 Bit sind das 4096 Stufen.
Was bedeutet Bit? Ein Bit ist die kleinste Informationseinheit und kann zwei Zustände annehmen (0 oder 1). Mit 12 Bit lassen sich 212 = 4096 verschiedene Werte darstellen. Mit 8 Bit nur 28 = 256 Werte. Je mehr Bit, desto mehr Abstufungen zwischen hell und dunkel, und desto feiner können Farbverläufe dargestellt werden. Mehr dazu im Artikel Analog vs Digital.
Analog
Bei klassischer Analogbildentwicklung wurden die Abzüge des Films auch analog gemacht. Das Licht wurde erneut durch den Film projiziert, um ein positives Bild auf Fotopapier zu erzeugen. Die Farben blieben dadurch in ihrer analogen Natur erhalten.
Inzwischen wird der Film jedoch häufig eingescannt und digital ausgedruckt. Dabei gehen die analogen Eigenschaften der Farbnuancen teilweise verloren, weil der Scanner das Bild ebenfalls in digitale Werte umwandeln muss, ähnlich wie eine Digitalkamera. Aber so ist halt Fortschritt manchmal.
Zusammenfassung: Analogfilm speichert das Bild chemisch auf dem Filmstreifen. Die Entwicklung erzeugt ein Negativ, aus dem analoge Abzüge gemacht werden konnten. Heute wird oft gescannt, wodurch der analoge Vorteil teilweise verloren geht.
Digital
Wenn du ein Foto mit einer Digitalkamera machst, erhält die Kamera vom Sensor eine Liste von digitalen Werten, die den einzelnen Pixeln entsprechen. Jeder Pixel hat einen Helligkeitswert.
Entscheidend ist nun, was mit diesen Roh-Daten passiert. Und da passiert eine ganze Menge. Das ist der Kern dieses Artikels.
Wer nun glaubt(e), dass RAW-Bilder der Kamera diese unveränderten Rohdaten sind, wird nun leider enttäuscht. Auch RAW-Daten werden bereits von der Kamera vorverarbeitet.
Sensor-Korrekturfilter
Das Erste, was die Kamera macht, sind diverse Korrekturfilter für den Sensor. Jeder Bildsensor hat kleine Unregelmäßigkeiten. Einzelne Pixel reagieren etwas anders als ihre Nachbarn. Je nach Sensor und eventueller Kalibrierung korrigiert die Kamera diese Unterschiede schon, bevor du überhaupt ein Bild siehst.
Um die verschiedenen Bit-Tiefen nicht ständig erwähnen zu müssen, erkläre ich das im Folgenden mit Kommazahlen zwischen 0 (dunkel) und 1 (maximale Helligkeit).
In der Theorie sollte maximale Belichtung eine 1 ergeben, minimal eine 0, 30 % eine 0,3, 70 % eine 0,7. Leider sind die Sensoren nicht linear. Das bedeutet: doppeltes Licht ergibt nicht unbedingt doppelt so hohen Wert. Jeder Sensor hat seine eigenen Stärken, Schwächen, und die Helligkeitskurve sieht geschwungen aus. Leider veröffentlicht kein Hersteller diese Kurven öffentlich.
Objektivkorrekturen
Danach kommen je nach Kamera und Modell noch automatische Korrekturen für das angeschlossene Objektiv. Wenn die Kamera-Software erkennt: „Oh, Objektiv A ist montiert, und es ist bekannt, dass dieses Objektiv beispielsweise am Bildrand dunkler wird (sogenannte Vignettierung)“, rechnet die Software diese Bereiche automatisch heller.
Schon mal gewundert, warum für die „beste Erfahrung" mit einem neuen Objektiv ein Firmware-Update der Kamera empfohlen wurde? Das könnte der Grund sein. Die Kamera lernt die Eigenschaften deines Objektives kennen und kann sie besser kompensieren. Mehr zu Objektiv-Eigenschaften findest du im Artikel Was macht ein Objektiv.
Weitere Kamera-Optimierungen
Dazu kommen unzählige weitere Optimierungen: Rauschfilter (die Bildrauschen reduzieren), Referenz-Staubbilder (die Staubpartikel auf dem Sensor erkennen und ausblenden), nachträgliches Schärfen und herstellerspezifische Farbkurven.
Hersteller A hat beispielsweise sattere Farben als Hersteller B, obwohl exakt derselbe Sensor zum Einsatz kommt. Der Unterschied liegt in der Nachbearbeitung, die die Kamera automatisch durchführt.
Das ist übrigens bei Handy-Kameras noch viel viel stärker. Smartphones wenden extrem starke automatische Optimierungen an, wie HDR, Gesichtserkennung, Farbkorrektur und Rauschunterdrückung. Alles automatisch und sofort. Dort wird es manchmal sogar als Verkaufsargument beworben. Bei „großen" Kameras sind diese Eingriffe eher leiser und dienen eher als Bugfixes denn als sichtbare Verbesserungen.
RAW
Was genau ist nun RAW? RAW ist das, was nach den oben beschriebenen Korrekturfiltern herauskommt. Diese Filter kann man (soweit mir bekannt) nicht umgehen, außer durch Firmware-Hacks.
Der Name „RAW" (englisch für „roher, unverarbeiteter") ist also etwas irreführend. Die Daten sind nicht komplett roh, sondern bereits korrigiert, aber noch nicht endgültig verarbeitet.
Dieses Bild wird dann mit möglichst hoher Qualität abgespeichert. Es enthält in der Regel die maximale Bit-Tiefe des Sensors (oft 12 oder 14 Bit) und verwendet eine verlustfreie oder nahezu verlustfreie Kompression. Das bedeutet: keine Daten gehen verloren, die Datei ist aber dafür größer.
Warum ist das wichtig? Weil du später am Computer viel mehr Spielraum hast, das Bild nachzubearbeiten. Mehr Bit-Tiefe bedeutet mehr Helligkeitsstufen, was besonders bei Farbverläufen (z. B. Himmelsfarben bei Sonnenaufgang) und bei der Korrektur von zu hellen oder zu dunklen Bereichen entscheidend ist.
JPEG
Nachdem nun das RAW-Bild vorhanden ist, werden bei JPEG noch weitere Verarbeitungsschritte angewandt:
- Weißabgleich: Die Kamera passt die Farben so an, dass ein weißes Objekt auch weiß erscheint, egal ob unter Sonnenlicht, Glühbirnenlicht oder im Schatten. Ohne Weißabgleich würden Bilder unter verschiedenen Lichtquellen unterschiedliche Farbstiche haben, zum Beispiel gelblich bei Glühbirnen. Mehr zum Thema Weißabgleich gibt es in einem künftigen Artikel.
- Effektfilter: Je nach Kamera-Einstellung werden Kontrast, Sättigung, Schärfe und weitere Effekte automatisch angewandt.
- Reduzierung der Bit-Tiefe: Das Bild wird von den ursprünglichen 12 oder 14 Bit auf 8 Bit reduziert. Das bedeutet ein Rückgang von bis zu 16384 Helligkeitsstufen auf nur noch 256. Das ist der größte Qualitätsverlust beim JPEG.
- Kompression: Das Bild wird als JPEG mit einstellbarer Kompressionsqualität abgespeichert. Dabei werden ähnliche Farbbereiche zusammengefasst, um Speicherplatz zu sparen. Je höher die Qualität, desto größer die Datei, aber desto weniger sichtbare Qualitätsverluste.
Hier ein Beispiel für die Kompressionsartefakte:
Oberste Reihe ist das Original, darunter als JPEG mit 90 %, dann 70 %, 50 % und final 30 % Qualität. Am Ende in einem Bild zusammengefügt, vergrößert und verlustfrei abgespeichert.
Die unschönen Blockmuster und Unschärfen, die bei niedriger JPEG-Qualität sichtbar werden, nennt man Kompressionsartefakte. Sie entstehen, weil das JPEG-Format Informationen verwirft, um die Dateigröße zu verkleinern.
In der Regel sind für „normale" Bilder die JPEG in der „Fine"-Einstellung gut genug, solange die Bilder nicht stark nachbearbeitet werden sollen. Entscheidend ist hier hauptsächlich die Reduzierung der Farbtiefe von 12 oder 14 Bit auf 8 Bit. Die Kompressionsartefakte sind bei guter Qualität meistens kaum sichtbar.
Zusammenfassung und Empfehlung
Analogfilm speichert das Bild chemisch mit theoretisch unendlich vielen Helligkeitsstufen. Die Entwicklung war ursprünglich auch analog, heute wird oft gescannt.
RAW speichert die kamera-korrigierten Sensordaten mit voller Bit-Tiefe (12-14 Bit) und verlustfreier Kompression. Es bietet den meisten Spielraum für die Nachbearbeitung am Computer.
JPEG wendet zusätzliche Verarbeitungsschritte an (Weißabgleich, Effekte), reduziert die Bit-Tiefe auf 8 Bit und komprimiert das Bild. Die Dateien sind kleiner, aber mit weniger Korrekturmöglichkeiten.
Für Einsteiger: Wenn du deine Bilder nicht nachbearbeitest und einfach gute Fotos machen möchtest, ist JPEG in „Fine"-Qualität völlig ausreichend. Wenn du lernen möchtest, Bilder am Computer nachzubearbeiten, oder unter schwierigen Lichtverhältnissen fotografierst, ist RAW die bessere Wahl.
Weiterführende Artikel:
- Analog vs Digital — Wie Sensoren und Film überhaupt Licht in Bilder umwandeln
- Quirks von modernen Sensoren — Technische Besonderheiten und Rauschverhalten von Digitalsensoren
- Das Belichtungsdreieck — Wie Blende, Belichtungszeit und ISO zusammen die Bildhelligkeit bestimmen
- Was macht ein Objektiv — Warum Objektiveigenschaften die Kamera-Korrekturen beeinflussen
